Staub statt Rasen. Bintang statt Schüga. Fussball in Lombok.

Was wäre wenn wir in Kuta Lombok keine Surf-Lektion gebucht hätten. Denn ohne unseren Surf-Guide hätten wir wohl gar nie von diesem Fussballspiel erfahren.

Vor unserer 4-monatigen Reise habe ich mir mehrmals überlegt, wie gerne ich während der Zeit in Asien ein Fussballspiel besuchen würde. Sollte ja eigentlich kein Problem sein. Auf der ganzen Welt wird Fussball gespielt. In vielen Ländern haben sich professionelle Ligen etabliert.
Wieso nicht ein Spiel in China besuchen? Fehlanzeige. Während den 4 Wochen, die wir in China verbrachten, wurde grundsätzlich nur an einem Ort Fussball gespielt. In Brasilien. (Wie ich die WM in China (nur teilweise) erlebt habe, ist eine andere Geschichte.)
Dann vielleicht in Thailand? Auch hier waren wir zur falschen Zeit zugegen. Sommerpause.
Auch in Myanmar und Kambodscha ergab sich keine Möglichkeit einem Match beizuwohnen. Bleibt noch Indonesien. Dass wir hier in unserem letzten Reiseland – gut zwei Wochen vor der Rückkehr in die Schweiz – ein richtiges Fussballspiel sahen, das haben wir eben diesem Surf-Guide zu verdanken.

Er habe nach der Surf-Session nicht mehr viel Zeit. „Ich muss an ein Fussballspiel.“
Fussball? Fussball! Natürlich wollen wir uns diese Chance nicht entgehen lassen. So schnallen wir die Surfbretter nach unseren zwei Stunden im Wasser schnell aufs Motorrad und machen uns auf den Weg zurück nach Kuta, ein kleines Dorf im Süden der indonesischen Insel Lombok. Am Ziel angekommen, erwartet uns so einiges.

Ein Fussballplatz aus Staub und Sand. Zwei Teams, ein Schiedsrichter inklusive Assistenten und mehrere Balljungen rund um den Platz verteilt. Dieses Feld ist zwar von einer Aussenlinie begrenzt, statt gezeichnet war diese allerdings gegraben. Der Strafraum kann nur erahnt werden. Ermessenssache des Schiedsrichters. Die Eckfahnen, dreimal rot und einmal gelb, sind ungefähr kniehoch. Zudem ist der Platz-Speaker, der jede Spielsituation für alle Anwesenden über einen Lautsprecher emotional mitkommentierte, nicht zu überhören. Geschätzte 400 Zuschauer verfolgen, wie sich die Spieler in der Hitze der indonesischen Sonne über den Platz bewegen und Staub aufwirbeln. 400 Zuschauer, darunter gerade mal zwei Nicht-Indonesier. Stephi und ich, mitten in einer lokalen Dorf-Veranstaltung. Ein spannender Einblick in eine andere (Fussball-)Welt.

Wir lassen uns von Gong, unserem Surf-Guide, aufklären. Es handelt sich um den Final der diesjährigen Dorfmeisterschaft von Kuta. Das eine Team nennt sich Kuta Indah (nach einem Hotel im Dorf benannt), der Name der gegnerischen Mannschaft ist Sam Gong. Wer dieses Spiel gewinnt, ist danach ein Jahr lang Fussballmeister von Kuta. Wir realisieren schnell: Das Spiel des Jahres!

Die erste Halbzeit ist intensiv. Nach wenigen Minuten ist klar: Sam Gong will diese Trophäe um jeden Preis. Sie drängen die Indah-Truppe tief in die eigene Hälfte und versuchen mit schnellem Kombinationsspiel die Abwehr und das staubige Terrain zu überwinden. (So manche Schweizer Regionalmannschaft hätte auf dieser Unterlage Mühe ein technisch so gutes Spiel aufzuziehen.) Vor dem Tor scheitern die sichtlich talentierten Angreifer von Sam Gong jedoch am (kleinen) Torhüter, an sich selbst oder (einmal) an der Hand eines Verteidigers. Der aufmerksame Schiedsrichter bemerkt dies sofort und zeigt auf den Elfmeterpunkt. Ähm… hätte auf den Elfmeterpunkt gezeigt, dieser ist allerdings nirgends zu finden. Kurz 11 Meter abmessen und der Ball wird gesetzt. Wir, direkt hinter dem Tor sitzend, nehmen unsere Arme schützend vor unseren Körper und begutachten die grossen Löcher direkt vor uns im Tornetz. Die Nummer 11 von Sam Gong läuft an. Trifft statt Netz aber nur die Torumrandung. Das Raunen der Zuschauer wird nur vom frenetischen Jubel der Kuta Indah Spielerfrauen übertönt. Beim Stand von 0:0 wird für die Spieler zum Pausentee gepfiffen, für die Zuschauer ist Pausen-Bintang angesagt.

Die zweite Halbzeit ist weit weniger ereignisreich. Kuta Indah begnügt sich mit Mauern und Bälle wegschlagen. Sam Gong rennt hilf- und erfolglos an. Mit ihrer Defensiv-Taktik kann Kuta Indah sämtliche gegnerischen Angriffe vernichten und jegliche Gegentreffer verhindern. Sie retten sich ins erlösende Elfmeterschiessen. (Verlängerung wurde weggelassen. Wäre mir auch zu heiss gewesen.)

Über den Schlusspfiff freuen sich vor allem die Zuschauer. Das ganze Dorf strömt auf den Platz. Es bildet sich ein grosser Kreis um Tor und Elfmeterpunkt, der kurz zuvor mit Wasser im Sand markiert wurde. Alle warten freudig auf die Entscheidung.

Die Nummer 11 von Sam Gong avanciert zur tragischen Figur. Nach seinem misslungenen Versuch in der ersten Halbzeit ist auch der zweite Elfmeter zu schwach getreten. Doch er ist nicht der einzige. Erst der 4. Schütze des Nachmittags versenkt seinen Penalty. Einige Minuten später, Kuta Indah führt 2:1, Sam Gong hat nur noch einen Versuch. Der Torhüter tritt an. Die Spannung liegt in der feuchten Meeresluft von Kuta. Es kommt, wie es kommen muss. Der staubige Ball fliegt neben dem rostigen Gehäuse vorbei. Kuta Indah, der Underdog, gewinnt das Elfmeterschiessen und holt sich die Kuta-Meisterschaft.

Viele freuen sich. Die Sam Gong Anhänger sind enttäuscht.
Eines ist allen gemein. Sie hatten einen vergnüglichen Nachmittag. Einfach toll wie Fussball begeistern kann! Egal ob Champions League oder Dorfturnier, ob englischer Rasen oder Staubplatz, ob St. Gallen oder Kuta. Fussball ist einfach ein grossartiges Spiel.

Mit 400 Dorfbewohnern zogen wir davon und liessen den Fussballplatz hinter uns. Von den davonfahrenden Rollern wurde ein letztes Mal Staub aufgewirbelt.

Weitere Erlebnisse unserer 4-monatigen Reise quer durch Asien sind auf 2unterwegs zu finden.

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