Faszination Cricket in Sri Lanka

Bereits eine Weile ists her. Die Reise durch Sri Lanka war das Highlight des Jahres, scheint jedoch schon in weiter Ferne. Vieles könnte ich hier noch erzählen, dazu komm ich aber nicht. Dafür verfüg ich über zu wenig freie Zeit, der Leser vermutlich über zu wenig Geduld. So bin ich gezwungen, einen Fokus zu legen.

Fokussiert würd ich meine Sportinteressen nicht gerade nennen. Natürlich, ich spiele selbst ein bisschen Fussball, schau mir das ‚Beautiful Game‘ auch ab und zu am TV an. Champions-League und so. Ich bin ein grosser Baseball-Fan, auch wenn das für einen Durchschnitts-Europäer schwer zu begreifen, geschweige denn nachzuvollziehen ist. Ich schaue gern Tennis. Geh regelmässig an Hand- und Volleyballspiele. Und schätze die Winterwochenenden unter anderem deshalb, weil bereits am Morgen Ski Alpin am TV läuft.

Doch dann kam Sri Lanka. (Natürlich kam Sri Lanka nicht zu uns. Es war bedeutend einfacher zu organisieren, uns nach Sri Lanka zu verfrachten.) Dann kam Cricket. Cricket? Für einen grossen Teil der Weltbevölkerung ist es eine der unbekanntesten und langweiligsten Sportarten der Welt. Für einen anderen grossen Teil der Welt ist Cricket nicht einmal ein Begriff. Und in Sri Lanka? Dort ist es nicht nur ein Sport. Cricket ist Teil der Kultur.

Am Tag der Ankunft in Colombo formulierte ich mein Reiseziel: In den kommenden 4 Wochen möchte ich mit Sri Lankern (oder heisst es Sri Lanki? oder ‚Menschen von Sri Lanka‘? Duden sagt: Sri Lanker.) Cricket spielen. Zwei Stunden später stand ich auf einem staubigen öffentlichen Sportplatz, hatte dieses längliche Stück Holz in der Hand und versuchte einen heranfliegenden Tennisball zu treffen. Dies tat ich nur bedingt erfolgreich. Ich traf wohl den Ball. Es sah jedoch keinesfalls so dynamisch und elegant aus wie beim ca. 12-jährigen Jungen, der unmittelbar nach mir auf den gelben Filzball eindrosch. Aber immerhin. Ein erster Schritt der Annäherung.

Cricket ist omnipräsent. Und dies nicht nur im TV, sondern vor allem auf der Strasse. Für die sri lankischen Kinder war keine Gasse und keine Strasse zu klein, um mit dem Holzschläger Bälle in der Gegend herumzuschlagen. Keine Schule ohne Sportplatz. Kein Sportplatz ohne die kennzeichnende Bahn, wo sich im Cricket Werfer und Schlagmann gegenüber stehen. Die Begeisterung und die Faszination der Kinder war überaus beeindruckend.

Doch wie funktioniert denn dieses Cricket? Auf die ausführliche Regelkunde möchte ich verzichten, zumal ich selbst nicht alle Paragraphen des Regelwerks auswendig kenne. Kurz zusammengefasst: 11 gegen 11 (nein, ich hab mich nicht im Sport verirrt). Das erste Team versucht mit jeweils zwei Schlagmännern so viele Punkte wie möglich zu erzielen. Wird einer Out gemacht, (wenn beispielsweise einer der Holzstäbe hinter dem Schlagmann, Wicket genannt, getroffen wird,) kommt der nächste Schlagmann des Teams ins Spiel. Sind 10 der 11 Spieler Out, gibts das ganze Prozedere noch einmal mit dem gegnerischen Team. Wer am Schluss mehr Punkte auf seinem Konto hat, gewinnt. Ein ganzes Spiel kann dann auch mal mehrere Tage dauern. Aber natürlich nur mit den obligaten Tee-Pausen. Inzwischen haben auch kürzere Spielformen Anklang gefunden. Die können dann innerhalb eines einzigen Tages zu Ende gespielt werden.

Dieses Vorwissen war äusserst hilfreich, als wir in der zweiten Ferienhälfte im Ranasinghe Premadasa Stadium die Partie Sri Lanka gegen Südafrika besuchten. Länderspiel in Sri Lanka. Mit dem dreirädrigen Tuc-Tuc hetzten wir durch die halbe Stadt, um rechtzeitig zum Anpfiff (ob wirklich gepfiffen wurde, bezweifle ich) vor Ort zu sein. Wir sind tatsächlich rechtzeitig gekommen. Zusammen mit geschätzten 500 anderen Zuschauern. Im einem Stadion mit 35’000 Plätzen. Wo waren die Cricket begeisterten Sri Lanker? Nach drei Stunden Cricket – ein Viertel des Spiels war dann auch schon vorbei – mussten wir zugeben, dass wir nichts Spielentscheidendes verpasst hätten, wären wir eine halbe Stunde zu spät erschienen. Das hatten sich alle anderen auch gedacht. Immer mehr Zuschauer drängten sich während des Spiels auf die Tribünen. Nach etwa drei Stunden Spieldauer konnten wir den Erfolg verzeichnen, alle verschiedenen Zahlen und Statistiken auf der Anzeigetafel zu verstehen. Es herrschte eine spezielle Atmosphäre. Das Spiel hat ein eher gemächliches Tempo und startet stets aus der gleichen Situation. Für mich als Baseball-Interessierten nichts ungewöhnliches. Es passiert nicht immer wahnsinnig viel (natürlich nur aus unserer Sicht). Und dennoch gab es stets viel zu beobachten. Verschiedene Spielertypen, defensive Verschiebungen und die tollen Cricket-Hüte.

Sri Lanka schlug zuerst, sammelte fleissig Punkte und die sri lankischen Cricket-Stars wurden von den Fans, die sich nach zwei Stunden wundersam vervielfacht haben, gefeiert. Es folgte das Innings von Südafrika. Kurz nach dessen Beginn brach der Regen auf das Stadion nieder. Das Spiel wurde unterbrochen. Sogar unter der gedeckten Tribüne wurde man von Regentropfen nicht verschont. Ein Zeichen für uns, nach mehr als 5 Stunden Cricket-Crashkurs das Stadion zu verlassen. Die übrig gebliebenen Overs würden die Spieler auch ohne unsere Anwesenheit überstehen.

Sri Lanka hat das Spiel gewonnen. Das freute uns natürlich. Die Fans sicherlich auch. Doch irgendwie hatte ich manchmal den Eindruck, dass der Sieg nicht das Wichtigste war. Der Weg ist das Ziel. Für die Menschen dort ist Cricket ein Zeitvertrieb. Cricket ist eine Leidenschaft. Cricket ist Kultur. Sei es im Stadion, am Fernsehgerät oder auf dem Schulhausplatz.

Was mir nach der Begegnung mit diesem exotischen Sport blieb: Die Bewunderung. Nicht die Bewunderung für den Sport. Nicht die Bewunderung für die Athleten mit Superstar-Format. Sondern die Bewunderung für die Menschen, die von diesem Spiel so fasziniert sind. Wenn sie im Stadion ihren Idolen zujubeln. Und wenn sie, mit Flip-Flops und auf Sandplätzen, selbst Cricket spielen.

Für solche, die mehr über die Faszination Cricket erfahren möchten, empfiehlt sich der ESPN-Artikel Why You Should Care About Cricket. Wright Thompson weiss nichts über Cricket, geht während der Weltmeisterschaft nach Indien und folgt den Spuren von Superstar und Cricket-Halbgott Sachin Tendulkar. Ein Versuch Indien, Cricket und den Mythos um Sachin zu verstehen.

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